Oschatz - Strehla Ufer
Lage [km] HSO Station/Objekt [Anschlussgleislänge]
0,010 OS 128,81 Bf Oschatz
0,225 125,44 Abzw Oschatz, Stw W 3
0,275 125,4 BÜ Bahnhofstraße
0,3 Anst Zuckerfabrik [1957-1966]
0,680 Döllnitzbrücke
1,337 Döllnitzbrücke
1,44 Anst VEB Bürochemie [?-1965, 120 m]
1,488 Brücke Mühlgraben
3,21 117,41 Hst Schmorkau (b Oschatz)
8,18 109,99 Hst Zaußwitz
9,87 Brücke Rietzschgraben
9,96 101,17 Hp Kleinrügeln
11,227 96,77 Anst Getreidespeicher Kirsten & Seurich [150 m]
Anst BHG Strehla [?-1972]
11,30 Anst BHG Strehla [?-1972]
11,310 96,77 Bf Strehla
11,410 96,77 Durchlass Rietzschgraben
11,484 96,77 Anst Leimfabrik/Sägewerk [?-1972, 1585 m]
11,572 94,97 BÜ Riesaer Straße
11,91 90,66 Ldst Strehla Ufer
12,040 90,66 Streckenende
1. Vorgeschichte und Bau
Als um 1830 im Vorfeld des Baus der Leipzig-Dresdner Eisenbahn eine Entscheidung zur Lage der Elbquerung fallen sollte, lehnte der Strehlaer Stadtrat unter dem Druck einer ansässigen Adelsfamilie den Bau über sein Territorium ab. Der Kleinstadt an der Elbe blieb damit ein früher Bahnanschluss zu Gunsten von Riesa versagt, das sich in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden Eisenbahnknoten und Elbhafen entwickelte. Verschiedene Institutionen, wie beispielsweise das Amtsgericht, wanderten sogar aus Strehla nach Riesa ab.
Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts der in Sachsen einkehrende wirtschaftliche Aufschwung in Strehla ausblieb, erkannten die Stadtväter ihre Fehlentscheidung und kämpften fortan für einen Bahnanschluss. Nach der 1885 erfolgten Eröffnung der 750 mm-spurigen Schmalspurbahn Oschatz - Döbeln kam eine Verlängerung dieser Strecke bis zur Elbe ins Gespräch, um den Unternehmen südlich von Oschatz den Versand ihrer Produkte auch auf dem Wasserweg zu ermöglichen. Das an die Staatsregierung herangetragene Ersuchen wurde wohlwollend aufgenommen und am 01.05.1890 begann ein in Oschatz eingerichtetes Baubüro mit den Vorarbeiten. Unter der Bedingung einer möglichst geradlinigen Trassierung genehmigte die sächsische Regierung schließlich am 20.05.1891 den Bau einer Schmalspurbahn von Oschatz nach Strehla. Über die Entscheidung heißt es später:
»Bei der für den Bahnbau günstigen Gestaltung der Grund- und Bodenverhältnisse zwischen Oschatz und Strehla und bei der unschweren Ausführbarkeit einer kleinen, für den Elbumschlag geeigneten Kaianlage in der Nähe der Stadt Strehla, war die Bahn mit verhältnissmässig geringen Kosten herzustellen. Auch waren die für den Anschluss der Schmalspurbahn Döbeln-Oschatz an die vollspurige Hauptbahn hergestellten Anlagen auf Bahnhof Oschatz in der Hauptsache für die Aufnahme des Verkehrs der Linie Oschatz-Strehla genügend und infolge dessen irgendwelche erhebliche Umänderungen in Oschatz nicht nöthig. ...
Als Spurweite ist - da diese Bahn als Fortsetzung der Döbeln-Oschatzer Linie gedacht war, bei den wenig entwickelten industriellen Verhältnissen der von der Bahn berührten Gegend auch zu erwarten stand, dass eine Schmalspurbahn dem vorhandenen Bedürfnisse vollauf genügen werde - überhaupt nur die Schmalspur in Frage gekommen.«
Am 01.06.1891 fand auf dem künftigen Bahnhofsgelände in Strehla der erste Spatenstich durch die ortsansässige Fa. König & Teichmann statt. Mit dem Streckenbau hatte man das Chemnitzer Unternehmen Findeisen & Hildsberg beauftragt. Im Durchschnitt waren 215 Arbeiter beschäftigt. Das Gleis bekam nur schwache Schienenprofile und wurde in einer Kiesbettung verlegt, was anfangs des öfteren zu Entgleisungen führte. Die Ausstattung der drei Zwischenstationen erfolgte äußerst bescheiden, da man mit keinem nennenswerten Personenverkehr rechnete. Lediglich der Endbahnhof Strehla erhielt umfangreichere Anlagen für den örtlichen Güterverkehr und ein Empfangsgebäude im typisch sächsischen Klinkerbaustil.
Die erste IK-Lokomotive, im Volksmund als "Emilie" bezeichnet, traf am 25. August mit einem Pferdefuhrwerk in Strehla ein. Am 30.11.1891 befuhr "Emilie" mit einem Bauzug erstmals die Gesamtstrecke und am 22. Dezember fand die landespolizeiliche Abnahmefahrt statt. [2],[3],[6]

2. Betrieb und Stilllegung
Nach nur sechsmonatiger (!) Bauzeit erfolgte die feierliche Einweihung der neuen Schmalspurbahn. Der "Oschatzer Anzeiger" berichtete hierzu:
»Am 30. Dezember 1891 wurde auf dem festlich geschmückten Oschatzer Bahnhof gegen 11.00 Uhr der Sonderzug aus Strehla zu Ehren der feierlichen Eröffnung der Schmalspurstrecke Oschatz - Strehla von einer großen Zuschauermenge empfangen. Die mit Freude und Stolz erfüllten Strehlaer wurden vom Bürgermeister Härtwig willkommen geheißen. Anschließend wurde im Gasthof "Sächsische Krone" ein Imbiß eingenommen. Der Oschatzer Bürgermeister sagte in seiner Begrüßung, die Oschatzer schätzen sich glücklich, daß ihnen die Strehlaer nun näher gebracht worden seien. Man dürfte jetzt hoffen, alte Geschäftsverbindungen zu neuer Blüte zu bringen. Bürgermeister Schreiber aus Strehla erwiderte, er sei auf den Flügeln des Dampfrosses hierher geeilt, um die Verbundenheit seiner Stadt, die nun mit einem eisernen Bande vollzogen wurde, zu bekunden. Erst kurz vor Abfahrt des Sonderzuges nach Strehla fanden sich die Herren aus Dresden ein. ...«
Während in Schmorkau der mit über 100 Ehrengästen besetzte Sonderzug noch von der Rittergutsherrschaft begrüßt wurde, hielt die Dorfbevölkerung in Zaußwitz schon gehörigen Abstand zum neuen Transportmittel und den Hp Kleinrügeln musste der Zug ohne jegliche Begrüßung passieren.
Die ab dem Silvestertag 1891 planmäßig verkehrenden Züge zuckelten meist als GmP und mit höchstens 20 km/h durch die Landschaft. Das 730 m lange Gleis zum Strehlaer Elbkai ging erst am 20.04.1892 in Betrieb. Außer zwei parallelen Ladegleisen gab es dort keine weiteren Anlagen. Im Bf Strehla abzweigend entstanden in den Folgejahren weitere Gleisanschlüsse zur Leimfabrik, den Chemischen Werken und einem Dampfsägewerk. Durch den benachbarten Riesaer Elbhafen und die ungünstige Streckenführung weitab jeder Industrieansiedlung war das Güteraufkommen jedoch sehr gering. Dies besserte sich erst 1912 mit der Einführung des Rollwagenverkehrs. Dazu musste auch der Oberbau verstärkt und ein Schotterbett für das Streckengleis hergestellt werden. Im Jahr 1928 begann am Strehlaer Elbkai der Umschlag von Kaolin aus Kemmlitz. Der Rohstoff zur Porzellanherstellung blieb bis 1954 die Lebensgrundlage des kleinen Hafens. Zur geplanten Erweiterung der Kaianlagen kam es nicht mehr und drei Jahre später baute man den Gleisanschluss ab.
Fahrpläne von 1894, 1914, 1925, 1939, 1946/47, 1950/51, 1965/66 und 1971/72 
Mit sechs werktäglichen Zugpaaren erreichte die Strecke vor Beginn des Zweiten Weltkrieges ihre Blütezeit. Nach einem erneuten Aufschwung in den Nachkriegsjahren kündigte sich recht schnell der Niedergang der Schmalspurbahn an. Dazu trugen vor allem die Einrichtung einer Busverbindung nach Oschatz und die 1961 erfolgte Einstellung des Stückgutverkehrs bei. Bis 1969 verlor die Bahn fast alle Güterkunden, so dass zuletzt nur noch die Leimfabrik auf der Schiene bedient wurde.
Aus "technischen Gründen und mit Zustimmung der Riesaer und Oschatzer Kreisräte", wie die amtliche Meldung lautete, trennte sich die Reichsbahn 1972 von ihrem ungeliebten Kind und ließ am winterlichen Abend des 31. Januar letztmals 99 569 von Strehla nach Oschatz dampfen. Im März des Jahres begann die Demontage des Streckengleises und nach acht Wochen hatte der Abbauzug (unter dem Einsatz von Zeithainer Strafgefangenen) sein Werk verrichtet.
Zu Beginn der achtziger Jahre begann die Reaktivierung der brachliegenden Trasse als strategische Umgehungsbahn. Doch dies ist bereits wieder ein neues Kapitel Eisenbahngeschichte ... [2],[3]

3. Spurensuche
Die wenigen Überreste der OS-Linie, wie die Strecke bahnamtlich hieß, blieben in den letzten Jahren beinahe unverändert erhalten und laden aufgrund der Kürze der Schmalspurbahn zu einer Tagestour ab Strehla oder Oschatz ein.
Die ersten 220 Streckenmeter legte der Zug einst auf dem (noch vorhandenen) Dreischienengleis in Richtung Mügeln zurück. Das kleine Abzweigstellwerk W 3 existiert nur noch auf alten Fotos. Vom größten Brückenbauwerk über die Döllnitz am km 0,7 sind Teile des westlichen Widerlagers auffindbar. Die Trasse bis Mannschatz ist als Wirtschaftsweg ausgebaut. Zu Betriebszeiten hatten die Züge hier in der Döllnitzniederung oft mit dem Hochwasser des Flusses zu kämpfen.
Entlang der Straße ging es weiter bis zum ersten Unterwegshalt. In Schmorkau treffen wir nicht nur auf das Schotterbett der abgebauten Umgehungsbahn, sondern auch auf die erfreulicherweise erhalten gebliebene hölzerne Wartehalle der Bahnstation. Mit einer Steigung von 1:60 schloss sich der Abschnitt über den Schmorkauer Berg an. Die Strecke erreichte etwa am km 6,5 mit 133,90 m ü. NN ihren höchsten Punkt.
Kilometertafel aus dem Jahr 1955:

Über fünf Kilometer gab es keinen Zwischenhalt, dann war Zaußwitz erreicht. Das Gelände der Haltestelle ist heute noch auffindbar, ansonsten fehlen sämtliche Spuren. Nach unbestätigten Angaben existierte hier für einige Jahre ein direktes Anschlussgleis zur nahen Tongrube.
Eine charakteristische Baumreihe vor Strehla markiert die Lage des Haltepunktes Kleinrügeln. Das Regelspurgleis verließ an dieser Stelle die Schmalspurtrasse nach Osten. Durch einen Einschnitt und vorbei am mächtigen BHG-Lagerhaus gelangte man einst zum Bf Strehla. Da die Trasse mittlerweile zugewachsen bzw. untergeackert ist, müssen wir auf die Straße ausweichen. Während sich das Empfangsgebäude mit einigen Nebenanlagen (Kohleschuppen) liebevoll saniert in Privatbesitz befindet, hat man im Wirtschaftsgebäude einen Imbiss eingerichtet. Der Lokschuppen wurde 1967 durch einen Brand zerstört. [7]

4. Fotos 
Quellen und weiterführende Literatur
[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11228, DR, Rbd Dresden, Signatur 5153
[2] Kenning, L.: "Schmalspurbahnen um Mügeln und Wilsdruff", Verlag Kenning, Nordhorn 2000
[3] Scheffler, R.: "Oschatz - Strehla" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[4] Högemann/Kenning: "Das Schmalspurnetz Mügeln", Verlag Kenning, Nordhorn 1995
[5] Scheffler, R.: "Schmalspur-Heizhäuser in Sachsen", Verlag Kenning, Nordhorn 1996
[6] Ledig/Ulbricht: "Die schmalspurigen Staatseisenbahnen im Königreiche Sachsen", Verlag W. Engelmann, Leipzig 1895
[7] Scheffler, R.: "Die Schmalspurbahn von Oschatz nach Strehla" in "Der Rundblick", Ausgabe 9/69
[8] "Eisenbahn-Journal Archiv (Sachsenreport)", Band 5
[9] M. Wollmann, www.stillgelegt.de
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© 2005 Jens Herbach